Literarisches Sondereinsatzkommando – Texte

Texte von Kramberger, Schuster, Ellinghaus und anderen.


Die Welt hat große, kleine, dicke, dünne
und noch alle anderen Geschichten,
so ungefähr so viel wie Menschen,
und alle alle woll'n erzählt sein.
Und überall, wo eine fehlt,
braucht es das L·SEK.



Gleisfahrten
Von hier nach nirgendwo,
Auf der Strecke,
Nie ein Ziel erreichend ...
Getrieben,
Weiter und weiter,
Der Erschöpfung
Trotzend.
Ununterbrochen
Kistenkoffer räumend,
Emigrantenzüge
In steten Wirren
Was ist im innersten
Des Wirbelsturmes?

© la neige en août 08 / Nives Kramberger



Ein Spinnwebwald der Erinnerungen,
klebrige Fäden heften sich an dich,
ziehen dich gelähmt in ihr Spinnennetz.

Dein Geist verharrt in Grau,
der Atem erstickt dir,
verharrend
bang das Herz
Tante, Schwester, Großmutter, Onkel,
Kindheit in Fährten an Gegenständen,
wie Geister aus Sümpfen tauchen die
mit Gegenständen verwobenen
schwermütigen Erinnerungen in dir auf,
schwer wird dir der Leib, das Hirn pocht,
vergiftet fühlst du dich, schwach.

Es gibt kein Entrinnen,
verklebt, verwebt
musst du lebendigen Leibes aufgehangen
warten.
Warten, bis der Tag der Abreise
dich aus dem Alp der Geisterbahn
in dein Leben
zurückführt.

© la neige en août 07



Aprilwankschwankend der Tag
Morgensonnenstrahlen
mischen sich mit
Wolkenungeheuern

Das Blut fließt in Strömen
- verlorene Hoffnung
Müdmenschen halten ihre grauen Gesichter zum Himmel
sie in kurzen momenten im Licht zu wärmen.

Sehnsuchtstrunken
kleiden die Stadtbäume
sich in üppige Blütenkleider.

Stare und Elsternpäärchen tanzen den Vermählungsreigen
Und die gefallenen Könige der Nacht schwanken
durch die leere Kühle dunstiger Straßen ihren einsamen Betten entgegen
© Nives Kramberger / la neige en aout 05


Jag sie fort

die wolken
die grauen

die geister
die höhnenden

oder
Sing

Sing
Sing
lauter
© Nives Kramberger / la neige en aout 05



EISWÄLDER
LEUCHTEN
GLEISSEND IM SONNENLICHT
SILBERN
KRISTALLEN
HIER OBEN WOHNT
DIE SCHNEEKÖNIGIN
HIER OBEN
FLÜSTERT DER WIND
SEINE GESCHICHTEN
DURCH DIE WEISSE EBENE
DURCH DIE KLIRRENDEN KRISTALLWÄLDER
HIER OBEN
ERWARTET SIE IM LICHT
DER WÄRMENDEN SONNE
DEN STRAHLENDEN TOD
© Nives Kramberger / la neige en aout 05


 

VALENTINSTAG,
ZWEI FRAUEN IN EINER KÜCHE.
DIE ALTE BÜGELT,
DIE JUNGE TRINKT CAFE
IM RADIO WERDEN KINDER INTERWIEVT,
OB IHNEN DENN SCHON ETWAS RAUSCHT
NA, OB SIE DENN VERLIEBT SIND...?
ES WIRD FÜR VERLIEBTEN-VALENTINSWOCHEN GEWORBEN,
DIE KANN MAN GEWINNEN
EINEN HERZLOLLI
HAT DIE WITWE-VERMIETERIN IHR ZUM FRÜHSTÜCK GESCHENKT;
SONST RUFT KEINER AN.
© Nives Kramberger / la neige en aout 05


Mondkuss

küß dir den halben
mond zur
nacht in dein
bett

die andere
hälfte lacht
mir
hier
© Nives Kramberger


2000 la neige en aout

Wonnigweich winkend dein blick
tief in meiner haut
weich in deiner haut

ich löse mich auf im grün
im grün deines
bergseeblicks

flackernd die pupille
zum raubtier lust
ein zögern

sanftes senken
in ein flammenbett
in ein schwert

das feuer
lodert
ekstatisch

die pupille weitet sich
aus dem dunkel brüllt brünftig
gesichtslose lust

die welt verschwimmt
zur wilden zuckung
das blut wird rauschend zum orkan

dem abgrund entgegen
zuckend tanzend die körper
ein atemzug
dann

plötzlich
stille
und finde dich

deine weich schimmernde elfenbeinhaut,
deinen strahlendwarmer blick
auf mir
wieder.
© Nives Kramberger


Venushaar

LIEGE IN DEINEM
VERGANGENEM DUFT
AUF VERSANDELTEM KAHLEN BETT
FINDE EIN VENUSHAAR IM TEPPICH
MEINES DEINES
WÄHEND RHEINISCHER REGEN RAUSCHT
NEHME DAS HAAR ZWISCHEN DIE ZÄHNE
DENK AN DEN KLEINEN
MAUERSEGLER AUF DEM BALKON
GESTRANDET
UND WO BIST DU
?
© Nives Kramberger



die hunde der wut
kläffen
dir durchs hirn

die meute
jagd
mit deinem blut um die wette

reisst auf
was sie findet
und
ehe du dich versiehst
blutest du leck

zu verwirrt zu orten
von wo überall
fontänen spritzen.

sie martern dein hirn
sie durchstechen dich
und du weißt

du musst sie einsperren
dorthin
wo sie sich gegenseitig zerfleischen

und
hinter gittern den mond
anheulen können,

damit du
die schwalben wieder grüssen kannst
und
sternenglanz mild dich
besucht
© Nives Kramberger / la neige en aout05


Hoffnung

Traumzerfleddert
durchgeschüttelt
Blick in graujagende
Wolkenfelder
Im Westen nichts Neues....
Blickverklebt
schüttelt
er
Mir Eingeweide
aus dem Leib
bis sie zu Boden hängen
sich jeder Muskel
vom Knochen
löst
im Himmel sehe ich
Fahlblau
durchschimmern
© Nives Kramberger / la neige en aout99


Und er tritt ein

und seine
Augen

strahlen sterne

erhellen
blitzenden kristalls

den raum
die gesichter

Und
mein herz
© Nives Kramberger / la neige en aout 05


Vorhin

vorhin
süße erdbeeren
im mund
die knie schwarz
linde blüht und
duftet schwül
leicht raschelnde brise
abendsonne brennt noch
warm
auf der haut
eine kleine tote
amsel lag
im rinnstein
braungefiedert

fuhr an ihr vorbei
meine lippen begannen zu brennen
mein bauch zu drücken
meine mama hätte mich
geschlagen
ungewaschen gespritztes...
auch ich bin
ungewaschen zerspritzt
habe den geruch roten
bauchblutes
sonnenschweißes mit
parfüm übertüncht
fahr an kirschbäumen vorbei
wilde rote kirschen
denke an ...
dort stehen auch kirschbäume in der straße ...
© Nives Kramberger / la neige en aout 00



Die alte frau
liegt
ein abgrund ihr
mund.

schweren atems dringen
schreie wie
siebte wellen
in den
nüchternen
raum

ihre schmerzensschreie ein getaktetes
Metronom.
sie schreit
splitterndes glas
ihre schreie treiben dir stricknadeln durchs hirn

und du
schweigst
geweiteter
pupille

harrst
ein starres
kaninchen dem
ende
entgegegen
© Nives Kramberger / la neige en aout 05



Da waren einmal zwei Vogel Strauße, die hatten einander
gefunden als sie die Köpfe tief im dunklen Boden hatten.
Und sie sprachen miteinander, hörten einander zu und
sahen einander an.

Da ward Licht in ihnen und alles war hell, und allein
waren sie auch nicht mehr.
Da bekam der eine Vogel Angst und steckte seinen Kopf
zurück in den Boden und sagte zum Anderen,
„Du hast soviel Angst. Das macht mir Angst! ...“
und er hörte auf mit dem anderen Vogel zu sprechen.

Da versuchte der zweite Vogel Strauß mit dem ersten zu reden.
„Wie geht es dir? Siehst du das Licht da unten ?“
fragte er.
„Du redest nicht richtig mit mir !“
sagte der erste Vogel Strauß,
„deshalb kann ich dir nicht antworten !“

Da hatte nun der zweite Angst noch etwas falsches
zu sagen, und er schwieg.
Er steckte seinen Kopf wieder in den Sand.
„Er will mich nicht sehen, und sprechen, er will meinen
Trost nicht, er will mich nicht“.
– so stand er traurig, seinen Kopf im dunklen Erdreich.

Und beide standen nebeneinander und warteten,
Und beide hatten Angst im Dunklen.
© Nives Kramberger / la neige en aout 01


Hummelerich

bestäube mich
hummellieblich
hummellieglich
hummelich !
© Nives Kramberger


es sirrt

sie küsst ihn auch vorm pc
und morgens da trägt sie seinen duft auf den fingern,
und riecht stunden später noch daran,
lächelt über ihr geheimnis vorm pianisten,
der kriegt streit mit seiner freundin,
die um sechs auf der matte steht und miespestet durch die tür,
daß die probe nicht pünktlich beendet ist.

die luft draußen ist mild, es dezemberdunkelt
und sie fühlt eine seltsam tiefe liebe in sich,
auch dass sie eine pflegeleichte frau ist,
und lächelt, und riecht an ihren fingern.
wenn sie ausatmet, auf ihrer haut,
riecht sie seinenmeinen, unserduft
und fühle ein vertauen,
ihr herz sich ausweiten wie eine liebe, heißt das so.

und sie sieht im kino baises-moi, was fick mich heißt auf deutsch.
der mann der das billet zahlt sagt es aber laut auf französisch,
und neben ihr sitzen frauen neben ihren männern,
die tief ausatmen bei all der gewalt, den vergewaltigungen,
den sexy frauen, die männer ficken und dann abknallen.
und sie kann das alles sehr gut verstehen,
auch wie die eine beim rammelsex mit einem freier
so bilder im tv erhascht, also fern sieht,
weil es doch langweilt und nur reibt und rüttelt,
im loch, so ging ihr das doch auch schon,
da war es dann die decke und ihre eingeweide schüttelten
im schleudergang, aber das ist schon länger her.

und am ende ist alles ein riesengemetzel,
und die frauen sind sehr sexy und nehmen’s sich,
und knallen dann so ab, danach. man siehts genau:
die fotzen, die schwänze
und auch der mann mit dem sie im kino ist, ist schockiert,
als ich sie dann, danach so sagt, daß sie sowas auch kennt.

und er redet im cafe,
und sie versucht zuzuhören am nebentisch,
wo einer sein beziehungsproblem ausbreitet,
nur kann sie es nicht richtig verstehen.
und ins bett könnte sie gehen mit ihm,
denn sie weiß das er es wollen würde,
nur seltsamerweise denkt sie an alles mögliche,
und wie das so kommt das man mal einen will
und es ist alles so richtig
oder das man viele will, und es ist alles so banal,
das man lieber am nebentisch zuhört.
oder wie die eingeweide durchgerüttelt werden
und man dabei so nachdenkt über die männer
die da zum beispiel sagen „halt mal still,
das ist eine eindringstellung”,
ja, oder einmal hat einer mit so ’nem winzigem ding von schwanz,
was man im film nie so zu sehen bekommt
gesagt: "deine möse ist zu geweitet"
dabei hatte sie schon soviele schwänze drin, das sie es [doch]
besser wußte

also hört sie am nebentisch zu,
und lässt den mann weiterreden.
zum abschied fährt er ihr dann mit dem fahrrad über den fuß
und knutscht sie sehr feucht, mit viel tiefer zunge,
wo man sich doch nicht so richtig kennt,
hat aber ihren sekt gezahlt.

und ihre finger riechen nicht mehr so lecker nach unserduft,
sondern eher nach kaltem rauch,
aber in ihrem bauch ist es ganz warm,
wenn sie so an ihn denkt
und ein bisschen schlecht wird ihr dann auch,
so zart wie wenn einem einer wichtig wird,
so daß es angst macht und sich
so ohnmächtig anfühlt.
© Nives Kramberger


Der Kapitän

Ich bin der Kapitän
die Matrosen stehen stramm,
morgens ziehe ich ihnen die Ohren lang
auf dem Ozean wartet stehts der Tod
will das Leben eines jeden hier an Bord
irgendwann, irgendwann

Ich hob das Haupt
und spähte bald zum Horizont
und sprach:
Meine Matrosen,
nehmt die Hände aus den Hosen
Fleißig hier an Deck,
den letzten Dreck, den wischt mir weg
heute kapern wir die „Prinzeß Marie”
das ist ein Schiff voller Frauen,
das ist was wir jetzt brauchen
und dann gibt es ein Fest,
und wenn es auch das letzte ist
mit den leichten Mädchen fangen wir an,
später kommen die Stolzen dran!
...
© Ralf Schuster


Eine Seefahrt

Eine Seereise, drei sitzten da und schauen auf die
Wellen, sehen in die Weite, ham so viel davon
noch vor sich, eine Insel. da tanzt sie auf dem
Schiff und gegenan den Wind, und ich ein
flatternd Hemd, und Luft, Luft!, und wenn die
Wellen an dem Schiff rumkippen, greift sie nach
dem Rettungsring, nur so die Leine in der Hand
haben, wenn ein Matrose anfängt Liegestühle
aufzuräumen, dann wird's ernst, und wenn sie
unbefangen fragt, ob's ernst wird und der sagt nein,
dann nimmt sie besser noch die andre Hand
dazu und sagt, wenn wir jetzt untergehn, dann
war es eine schöne Zeit – aach ja. Und dann, zwei
Stunden Motorgraulen, Wellenstampfen länger als
gedacht, so lange kann man keine Angst behalten
ohne weich zu werden, kommt die Insel:
Helgoland, nein, noch ein Stückchen weiter, Düne,
ist es auch, das ganze Fleckchen eine Düne mit
Betonpisten aus Nazi-Zeit, die halten immer noch.
Düne, was gibt's da sonst als Weite, Robben,
Wind und ab und zu ein Schiff, naja auf dem
Spritfelsen, so sagen da die Seeräuber, das sind
sie alle noch, da kann man nicht so einfach so an
Land, da muß gezahlt sein, jeder einzeln,
und ins Boot gehoben, immer ein Räuber links
und einen rechts und hoppla kräftig unterm Arm
und in den Wogengang, der Kofferl!, gott-sei-
dank, zum übel werden hat man wirklich keine Zeit.
Und eine Insel, die tut gut, wenn einem mal die
Seele rausgefallen ist, denn da ist nichts zu tun als
gehen lassen oder schauen, sehen oder eine Sandburg
bauen und ein kleines Picknick in der Düne, geht
man einmal um die Insel übern Tag, ist schon
genug getan, es dauert auch nur eine halbe
Stunde, oder 1 1/2, ich habe nie auf die Uhr
geschaut, wenn man kein Zimmer hat,
stellt's einem keiner voll. Und abends liegen hundert
Robben nah am Ufer, drehn sich auf den Bauch
und auf die Seite, flattern mit den Flossen, rollen
ihre Füße, bauchen sich im Sand und blinzeln, kann
man das fast hören.
© Burkart Ellinghaus


Männer

ich ficke männer.
hole mir kurze ekstasemomente
lasse sie liegen mit ihrer lust
wenn sie durchdrehen
drücke ich ihnen eine knarre in die hand
und schicke sie in die rattsteinstr. 33
3. stock
und sage ihnen
schießt mein herz frei
damit ich euch vielleicht lieben kann
© Nives Kramberger


Mal sehn

Es war ein Mann, der war mir bekannt
Vor etlichen Jahren konnte er
die Miete nicht bezahlen
Später gings ihm ganz leidlich,
das mit der Miete war ihm ziemlich peinlich
Er ging zum Vermieter und gab ihm hundert Liter
von kostbarem Wein,
das sollte eine Entschädigung sein
Doch der Vermieter war auf Entzug,
er hatt vom Trinken endlich genug, wie klug
doch nun, wie es sich ergab,
war der Geist zwar willig,
doch das Fleisch nicht so stark
schon griff er zur Flasche
und seine Frau ergriff die Tasche
um schnell zu verschwinden, denn betrunken
nahm er sie am liebsten von hinten.
Das konnte sie nicht leiden,
wollte es deshalb vermeiden.
Auf der Straße traf sie den früheren Mieter,
der hatt immer noch einige Liter
von seinem kostbaren Wein,
und so lud er sie ein, zu sich heim
Er war charmant, mit Schmeicheleien gewandt
und halbwegs gescheit,
mit dieser Mischung kam er bei ihr ziemlich weit
schon machte sie die Beine breit
und er, wie es sich gehört, hat sich nicht
daran gestört
daß sie wollte, was sie will, ih
Vergnügen war sein Ziel
Und wie Frauen so sind, verliebte sie sich
geschwind
während er eher sportlich, dachte, ich fick dich
und lass es dann gut sein. schick sie dann
wieder heim
Das ging natürlich nicht gut,
der Vermieter zuhause, der kochte vor Wut
und sie vor Verlangen, schließlich ging sie
von dannen
verschwand für ein Jahr und
war dann plötzlich wieder da.
Beide Männer hatten nun neue Frauen,
da mußt sie sich umschauen,
und schaute sich um, auch sie war nicht dumm
Der, den sie fand, war jung und frisch
so kam sie zu dem Schluß: Es lohnt sich!
© Ralf Schuster


Entree

er betritt den Großen Raum mit vielen
die zum Scheuen kamen
ist gerade noch gewandt zu denen
die ihn mitgenommen haben
ahnt schon, weiß nicht was
da steht sie und sieht offen zu ihm hin
plötzlich weiß er was er ahnte
und ist schon an allen vorbei zu ihr hin
bei ihr
und möcht all den Leib umfassen
die Münder küssen und an den Augen
sich verschlucken
in Arme Beine Hintern sich vergreifen
und prallt fast gegen jede kleine Wand
die vor ihr steht
sie weicht der Wucht nach in die Geste aus
zu jenem, der da schräg daneben
in erschreckender Entfernung
gar nichts weiß was da passiert vor ihm
und noch Wohlwollen sucht
dies alles nimmt im augenwinkel
er noch auf, sieht hin
auf von der Wand, und hebt
als ein Gedanke sich noch regt
die Hand
und fällt bevor sie oben
hin wie tot.

Als er von Ferne wiederkommt
ist die kleine Wand ein Mäuerchen rundum
über das hinein sich viele beugen
mit Schreckgesichtern an ihm ziehen
zu schnell für ihn, er kann sie noch nicht leiten
weiß nur er muß da weg, hinaus
und gehn
und rauchen vielleicht
wenn das geht vor lauter Heulen
das da draußen wartet
© Burkart Ellinghaus


Man sieht sich

und dann, am nächsten Tag,
hat er sich nicht gemeldet
wie
und das wollt ich dich fragen:
wie siehst du das, als Mann
ich – als Mann...
ja, ist das so
ich versteh nicht ganz
ist das so daß man sich einfach
nicht mehr sieht
das ist gewesen,
und das ist dann so vorbei
was
daß du mir noch nicht erzählt hast
wie
ich meine, was ist denn mit ihm gewesen
naja, wir haben...eben
Eben! Was beklagst du dich, Jahrtausenwechsel
in den Armen des Geliebten, haach,
warum bei mir
denkt er, und sagt
ach so
wie
na, das ist doch ein wichtiges Detail
ja – was soll ich denn jetzt machen
das weiß ich nicht –
was hättest du denn am liebsten
jetzt wär es an der Zeit, daß er hierher kommt
So schön, wie du leuchtest, so warm, so
weichgevögelt denkt er, und sagt
warum beklagst du dich, und sagt
so weichgevögelt
eben nicht, sagt sie
Dazu sag ich jetzt garnichts, vielleicht nachher,
jetzt bring ich sich nach haus in deine Badewanne
und wenn du sie leergeschwommen hast, dann
trockne ich dich ab, bis dir das ganze Wasser
wieder rausläuft und trink dich leer, dann kannst
du endlich schlafen. Wenn du dann morgen
wissen willst, was du dann willst, und ich nicht
immer noch besoffen bin von dir, dann füll ich dir
die Badewanne wieder auf und leg dich rein, da
kannst du denken, und erinnern:
Er hat dich geraubt und du warst hingerisse, und
die Straßenbahn fuhr auch nicht mehr, hat er
gesagt und wußte was er wollte, und alles war
ganz einfach, ja, und du so schön, so schön, für
seine, deine aaaugen, jeder Blick.
Und dann, am nächsten Tag, warst du sein Raub
und hingerissen, immer noch, nur er nicht mehr der
Räuber, du nicht mehr in der Gewalt, die
Straßenbahn fuhr auch schon wieder, ganz wie am
Abend vorher, immer schon, und du hast alles
selbst gemacht, wie schön, und er nicht da, um ihn
danach zu fragen, wie schade, dummer Mensch
dddas, blöder, selber schuld der, nein!
denkt er, und sagt nur was mit einer sanften Hans
an ihrem Ohr

Ich rede nicht mit dir von deinem Liebhabern, wer
bin ich denn, wer sind die denn, wenn die nicht
wissen, was du willst, du selber und von ihm
denkt er beim andern Ohr
Und als sie davon müde wird bringt er sie noch, sie
mag das in der Gegend, denn, sagt sie,
schon zweimal hat mir hier einer zwischen meine
Beine gegriffen.
Er tut's, fragt: so? und endlich schlägt sie ihn, er:
und dich angeschaut, so mitten ins Gesicht wie ich?
und schlägt ihr mitten ins Gesicht,
und endlich küßt er sie, die Hand noch immer dort,
wo sie seit Stunden hingehört, jedesmal, dreimal
schon, sie weicht nicht aus und wartet, bis sein
Blut die Lippen Münder Nasen glitschig macht, ist
endlich wieder klar und wach, erinnert sich ganz,
ganz genau, und ist kein Stück woanders,
küßt
denkt er, als sie die Tür aufmacht, etwas
wacklig, immer noch, der Schlüssel paßt fast nicht,
dann doch, das Fahrrad oben, wieder auf dem
Weg
auf bald, sagt sie

Ein Treppenhaus noch hoch, dann endlich
angekommen und allein
denkt er als sie die Tür dann zumacht.
Und geht nach Haus, und schreibt.
© Burkart Ellinghaus


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